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In der heutigen (18.05.2009) Rheinischen Post Krefeld findet sich der folgende, interessante Artikel:
" 'Krefeld muss seine Kinder Lieben'
Montagsinterview: Birgit August ist seit wenigen Wochen Vorsitzende des Krefelder Kinderschutzbundes. Im Gespräche bewertet sie die Kinderfreundlichkeit der Stadt, zeigt Problemlagen auf und erzählt, wo sie gerne selbst in Krefeld noch Kind wäre.
Der Oberbürgermeister will Krefeld als kinderfreundliche Stadt präsentieren. Trifft diese Bezeichnung schon zu?
August Krefeld gehört meiner Meinung nach noch nicht zu den großen kinderfreundlichen Städten. Bemühungen sind zwar da, aber wir haben noch Aufholbedarf gegenüber anderen großen Städten in Deutschland.
Wo kann Krefeld aufholen?
August Ich nenne ein Beispiel: das Spatzennest, eine Betreuungseinrichtung im Kaufhof Ostwall, die von uns mit getragen wird. Dort sollen Kinder während der Geschäftszeiten betreut werden, dass Eltern in Ruhe einkaufen können. Eine große Chance für die Gewerbetreibenden Krefelds, denn Familien sind Konsumenten und geben Geld in Krefeld aus. Ein neutraler Ort für diese Betreuungseinrichtung wäre wünschenswert, damit dieser von der [...] ganzen Händlergemeinschaft akzeptiert und beworben werden kann. Zur Kinderfreundlichkeit gehört auch, dass für berufstätige Eltern eine bezahlbare und flexible Kinderbetreuung vorhanden ist und es öffentliche Plätze mit Aufenthaltsqualität gibt.
Wird Krefeld denn in den kommenden Jahren ihrer Meinung nach kinderfreundlicher?
August Das ist Aufgabe der Politik und die der Menschen, die hier wohnen. Es gibt nämlich auch so etwas wie eine gefühlte Kinderfreundlichkeit: Werde ich komisch angeguckt, wenn mein Kind in der Eisdiele schreit? Hilft man mir, wenn ich mit dem Kinderwagen vor einem Hindernis stehe? Mit einer familienorientierten Politik werden sich viele Bürger gewinnen lassen. Das Bewusstsein dafür hat nicht zuletzt die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen geschaffen.
In Krefel gibt es einen Platz, der nach den Namensvettern der Bundesministerin benannt ist: Der Von-der-Leyen-Platz ist eine große Steinwüste. Was hileten Sie von der Idee, daraus einen großen Spielplatz zu machen. Krefeld als erste Stadt mit einem Spielplatz als Rathausplatz. Das wäre doch ein Signal für Kinderfreundlichkeit.
August Das ist eine Idee, die mir nicht unsympatisch ist. Krefeld braucht auf jeden Fall mehr Spielplätze mit gewisser Qualität. Überall da, wo Menschen als Spielplatzpaten eingesetzt sind, funktioniert es schon heute. Anderswo leider noch nicht. Es steht und fällt mit den Menschen, die sich einsetzen.
Womit kann Krefeld denn Ihrer Meinung nach punkten?
August Bei den Betreuungsplätzen für Kinder ab drei Jahren sind wir gut, auch für Kinder unter drei Jahren wird das Betreuungsangebot immer besser. Da leistet das Jugendamt gute Arbeit. Positiv ist sicherlich auch die Vielfalt der Einrichtungen. Allerdings: Nicht alle werden so angenommen, wie es sein müsste. Viele Eltern erkennen nicht, welche Stelle ihnen helfen könnte. Die Vernetzung müsste beser werden.
... eine Aufgabe für den Kinderschutzbund?
August Wir sind mit den Programmen, die wir anbieten, sehr beschäftigt. Da geht es uns nicht anders als den anderen Einrichtungen. Das ist sicherlich ein Problem, das viele Einrichtungen haben. Wir übernehmen mit unseren persönlichen Besuchen in Krefelder Familien aber gerne eine Lotsenfunktio, auch zu anderen Einrichtungen.
Sie kommen mit vielen Eltern in Kontakt. Was sind Ihre Reaktionen auf die Stadt?
August Ich besuche mit unserer Aktion Babywillkommenstasche, bei der wir gefüllte Taschen mit Babybedarf zu jungen Familien bringen, meist solche Eltern, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Dort gibt es viele soziale Probleme. Aber sie begegnen ihrer Stadt auch nicht mit so viel Pessimismus wie Leute, denen es besser geht.
Die Frage, wie man Eltern von Säuglingen direkt nach der Geburt anspricht und Problemlagen früh erkennt, beschäftigte in den vergangenen Monaten viele Experten. Sie haben mit der Babytasche eine erste Lösung gefunden. Wie praktikabel ist sie für das Bundesgebiet?
August Es ist ja auch eine finanzielle Frage. Unser Ortsverband muss für diese Aktion Spendengelder finanzieren. Viele andere Ortsverbände des Kinderschutzbundes haben uns in den vergangenen Monaten besucht und teilweise das Modell schon übernommen. Beim Kinderschutzbund heisst die Aktion mittlerweile schon Das Krefelder Modell. Aber natürlich erreichen wir nicht alle Eltern, weil wir unseren Besuch bei den Eltern nicht zur Pflicht machen können und wollen. Wir müssen immer um das Einverständnis der Eltern bitten, das ist auch richtig so. Rund 60 Prozent der Eltern sagen zu.
Wie funktioniert die Kontaktaufname?
August Wenn sich Eltern nach der Geburt ihres Kindes beim Standesamt melden, erhalten sie dort ein Formular, mit dem sie bewilligen, dass wir als Kinderschutzbund die Familie besuchen dürfen und die Babytasche verschenken. Die Mitarbeiter des Standesamtes arbeiten da gut mit uns zusammen. Wichtig ist mir, dass wir nicht als soziale Kontrolleure kommen, sondern erst einmal einfach gratulieren wollen. Wir freuen uns mit der Familie, dass ein kleiner neuer Erdenbürger da ist. Während des Besuches können wir dann im Gespräch darauf aufmerksam machen, dass bei Problemlagen der Kinderschutzbund in Krefeld ein Ansprechpartner von vielen ist.
Fallen Ihnen bei Erstbesuchen häufig Missstände auf?
August In 98 Prozent aller Fälle gehen wir mit einem guten Gefühl. Aber wie gesagt: Wir erreichen nicht alle. Natürlich gibt es auch Problemfälle. Und immer können unsere Fachberater in anschließend vermittelten Gesprächskontakten Hilfestellung leisten oder Wege aus der Krise aufzeigen.
Kindeswohlgefährdung kann also nie ganz ausgeschlossen werden.
August Wenn eine Familie einen an der Nase herumführen will, dann schafft sie das auch. Man kann Kindeswohlgefährdung niemals hundertprozentig ausschließen. Deshalb bin ich auch die pauschale Verurteilung von Ämtern in einem solchen Fall. Und ich finde es auch nicht gut, Eltern unter Generalverdacht zu stellen. Ich gehe davon aus, dass Eltern erst einmal nur das Beste für ihr Kind wollen.
Neuerdings bietet der Kinderschutzbund die Schreibaby-Sprechstunde an.
August Auch so ein Fall, bei dem wir ein Problem erkannt haben und schnell reagieren konnten: Wir sahen wachsenden Bedarf auf diesem Feld. Viele Eltern von sogenannten Schreibabys sind oft ratlos. Ein Kind, das permanent schreit, nervt auch routinierte Eltern. Das habe ich bei einigen Besuchen in Familien bemerkt.
Seit drei Wochen sind Sie nun Vorsitzende des Krefelder Kinderschutzbundes. Wer hat schon gratuliert?
August Es gab viele Anrufe, die haben mich sehr gefreut. Aber ich bin ja nicht völlig neu. Meine Vorgängerin Ute Vogt hat mich in den vergangenen Jahren schon als Kronprinzessin aufgebaut. Von daher sind mir viele Prozesse vertraut. Dafür bin ich Ute Vogt sehr dankbar. Jetzt ist natürlich eine ganz neue Verantwortung, die ich habe.
Haben Sie auch ein Wunschprojekt, dass sie einmal anstoßen wollen?
August Ich würde gerne mal ein Projekt zur Hygiene in Offenen Ganztagsschulen anbieten: Händewaschen nach dem Gang zur Toilette und vor dem Essen oder vor der Essenszubereitung ist sehr wichtig, Fingernägel sollten sauber sein und Zähneputzen ist unerlässlich. Das große Projekt, das jetzt vor uns steht, ist natürlich das Zentrum des Kinderschutzbundes, das wir auf dem Grundstück errichten wollen, welches wir in der Südstadt von einer Familie geschenkt bekommen haben. Dafür bedarf es jedoch noch vieler Spender.
Wenn Sie selbst noch einmal Kind in Krefeld wären, wo würden Sie gerne leben?
August Mein Mann und ich leben in Traar. Hier kann man es als Kind gut aushalten. Ich glaube, hier hätte ich mich auch als Kind wohlgefühlt.
Und welches war das schönste Erlebnis, das Sie beim Kinderschutzbund bisher hatten?
August Da denke ich immer an einen kleinen türkischen Jungen, der einmal zu mir sagte: 'Frau August, du bist die netteste von allen, aber eigentlich mag ich dein Auto.' "
Sebastian Peters führte das Interview.
Quelle: Rheinische Post, Montag 18. Mai 2009
Weiter Informationen zum Krefelder Kinderschutzbund finden Sie unter:
www.kinderschutzbund-krefeld.de
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